Eigene Gelübde sprechen ist der emotionalste Moment einer Trauung – und der, vor dem Brautpaare am meisten Angst haben. Was schreibe ich? Wie lang soll es sein? Was wenn ich nicht mehr sprechen kann? Anita Meyer hat über 200 Trauungen geleitet und erklärt, wie es wirklich geht.
Warum eigene Gelübde der Liebesbekenntnisse der entscheidende Moment sind
Ich habe bei mehr als 200 Trauungen dabei zugeschaut, was mit den Gästen passiert, wenn das Paar eigene Gelübde spricht. Stille. Echte, vollständige Stille. Menschen die ich nie gesehen habe, die anfangen zu weinen – nicht wegen der Worte. Sondern wegen der Ehrlichkeit dahinter.
Eigene Gelübde sind nicht für alle. Aber für die Paare, die es wagen, sind sie fast immer der Moment, an den sich alle am längsten erinnern.
Die grössten Fehler beim Schreiben Eurer eigenen Liebesbekenntnisse – und wie ihr sie vermeidet
Fehler 1: Zu lang. Drei Minuten sind genug. Alles über fünf Minuten verliert die Gäste – und meistens auch euch selbst. Kürze ist Disziplin, und Disziplin ist Respekt vor dem Moment. Eines der kürzten und schönsten: «Du bist mein Ozean in dem ich ertrinken möchte, weil ich weiss dass Deine Wellen mich tragen.»
Fehler 2: Zu allgemein. «Du bist mein bester Freund, meine Seele und mein Zuhause» klingt schön. Aber es könnte aus jedem Liebesfilm stammen. Was die Gäste wirklich bewegt: der spezifische Moment. Der Satz, den nur ihr zwei kennt. Der Witz der nur bei euch funktioniert. z.B: «Ich liebe es, wenn Du heimlich versuchst meine Salami vom Sandwich zu klauen, während ich mir eine Cola hole.»
Fehler 3: Auswendig lernen. Lernt eure Gelübde nicht auswendig. Lest sie vor. Mit dem Papier in der Hand. Das ist kein Zeichen von Schwäche – es ist Klugheit. Wer auswendig gelernt hat, vergisst. Wer abliest, bleibt präsent.
Eine Struktur die funktioniert
Wenn ihr nicht wisst, wo anfangen – hier ist eine Struktur die ich bei vielen Paaren begleitet habe:
- Der Moment– Ein konkreter Moment, in dem ihr gewusst habt: Das ist die Person. (Nicht «als wir uns kennengelernt haben» – sondern ein spezifischer, kleiner Moment danach.)
- Was ihr liebt– Eine oder zwei Eigenheiten, die ihr an der anderen Person liebt. Gerne auch eine die manchmal nervt.
- Das Versprechen– Was ihr versprecht. Konkret, ehrlich, realistisch. Nicht «ich werde immer für dich da sein» – sondern was das bei euch konkret bedeutet.
- Der Abschluss– Ein Satz. Der bleibt.
Was wenn ich anfange zu weinen?
Das passiert. Ich bin darauf vorbereitet. Ich stehe neben euch, ich nehme die Pause mit euch, ich lasse den Moment atmen. Ihr müsst nicht weitersprechen bevor ihr bereit seid. Das ist kein Problem. Das ist ein Moment.
Was ihr tun könnt: Atmet. Schaut kurz weg. Schaut dann auf das Papier, nicht in die Augen eures Partners – das macht es meistens noch schlimmer. Lest weiter. Niemand im Raum denkt weniger von euch. Das Gegenteil ist der Fall.
Was wenn ich gar nicht sprechen will?
Dann sprecht ihr nicht. Eigene Gelübde sind optional – keine Pflicht. Ich formuliere die Gelübde dann für euch, und ihr wiederholt sie nach mir. Das ist genauso schön, genauso gültig, und manchmal genauso bewegend.
Was ihr wollt, bestimmt ihr. Das ist das Schöne an einer freien Trauung.

